Freitag, 15. Juli 2011

Wem vertraust Du?

...Und tu Gutes, so wie Allah dir Gutes getan hat....“ (Qasas 28:77)

Infaq ist das Hergeben als Spende von den Dingen, die der Allerbarmer uns geschenkt hat und die Er - durch uns - an Seine Knechte weitergeben will. Die Weisheit dahinter ist, dass unsere Liebe zu materiellen Dingen schwinden, die Bindung zum Diesseits geringer werden und das Interesse und die Liebe zum Diesseits zum Jenseits dadurch steigen soll. Das ist die Prüfung des Allerbarmers für uns. Je mehr einer spendet, desto weiter entfernt sich der Schaitan und im gleichen Maße kommt man Allah näher. So wird gleichzeitig sichtbar in wie weit der Teil unseres Besitzes diejenigen wirklich erreicht, die ein Anrecht davon besitzen. Denn Gläubige wissen, dass nicht alles, was sie von Allah bekommen haben, für sie allein zur Verfügung gestellt ist:

Und in ihren Vermögensgütern war ein Anrecht für den danach Fragenden und den Übergangenen.“ (Dhariyaat 51:19)


Diese ayaah zeigt uns deutlich, dass Allah die Versorgung der Menschen, die bedürftig sind, in unsere Versorgung mithineingelegt hat. Wenn wir den Anteil der Bedürftigen davon herausnehmen und den Menschen, denen es zusteht, geben können, dann haben wir auch die Weisheit der Prüfung verstanden. Wenn wir nicht so verfahren, kann es sein, dass wir das Anrecht der Bedürftigen beschneiden und damit eine Ungerechtigkeit begehen.

Ein anderer Aspekt des Infaq ist es auf dem Wege Allahs (fisabilillah) zu spenden. Das bedeutet seine Spende nicht an Einzelpersonen, sondern an islamische Einrichtung zu geben. Jeder Spender muß dabei wissen, dass sein Hergeben belohnt wird und eine Investition fürs Jenseits bedeutet. Weil der Mensch die Auswirkungen seiner Spende oft nicht gleich sieht oder erkennt, kann ein Ermüden und ein Nachlassen in der Spendenbereitschaft geschehen. Aber der Allerbarmer ist nicht achtlos unseres Tuns. Er verzeichnet zudem alles Gute. Gerade hier beginnt beim Iman das Vetrauen an Allah. Außerdem ist es sicher, dass jede Spende dem Spender mit etwas Besserem oder mit noch mehr vergolten wird. Der Mensch ist leider oft nicht in der Lage dies zu erkennen und denkt das Gute, das er erhält, bekommt er aufgrund seines persönlichen Erfolgs.

Sag: Gewiß, mein Herr gewährt die Versorgung großzügig, wem von Seinen Dienern Er will, und bemißt auch. Und was immer ihr auch ausgebt, so wird Er es euch ersetzen, und Er ist der Beste der Versorger.“ (Saba 34:39)

So sind unsere Bedenken nicht nur falsch, sondern auch unbegründet. Nichts, das wir im Namen des Herrn der Welten geben, wird verloren gehen. Im Grunde spiegelt die Stärke des Iman den Grad des Vertrauens an Allah wider. Wer nicht Allah vollständig vertraut, dessen Iman wird sich deshalb nicht zur Vollkommenheit entwickeln.

Ein weiterer Punkt des Infaq ist, dass wir das geben sollen, was wir lieben und für uns wertvoll ist. Es ist nicht ethisch, wertlose Dinge, die wir selbst nicht akzeptieren würden, anderen als Spende anzubieten. Es fällt dem Menschen im Allgemeinen aber schwer, sich von etwas Wertvollem zu trennen. Das ist auch gut so. Denn der Mensch, der gibt, muss sein Ego d.h. sich selbst überzeugen, dass er dies für Allah gibt und es nicht verloren gehen wird: „Ihr werdet die Güte nicht erreichen, bevor ihr nicht von dem ausgebt, was euch lieb ist. Und was immer ihr ausgebt, so weiß Allah darüber Bescheid.“ (Al-i Imran 3:92)

Darüber hinaus können sowieso nur das spenden und weggeben, was wir besitzen. Was wir nicht spenden oder weggeben können, das besitzt vielleicht bereits uns!

Rüştü Aslandur, muslimehelfen



Freitag, 8. Juli 2011

Ich höre dir nicht zu!


Es gibt ein Sprichwort im Türkischen, das übersetzt ungefähr folgendermassen geht „Tiere verstehen sich, indem sich gegenseitig „beriechen“, Menschen verstehen sich hingegen, indem sie miteinander reden.“ Dieses Sprichwort drückt relativ gut aus, dass die Menschen sich nur verstehen können, wenn sie miteinander kommunizieren. Das nahezu ausschließlich verwendete Kommunikationsmittel der Menschen ist die Sprache. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, dass nicht nur Muslime mit Migrationshintergrund formal auf einem zufriedenstellenden Niveau die Kommunikationssprache beherrschen. Dass eine Kommunkation z.B. mit Menschen eines Landes sonst nicht möglichst, erschließt sich aus der Logik und dass damit eine islamische Verpflichtung verbunden ist, lesen wir explizit im Koran (s. 14:4).

Wenn es auch banal klingt: Um kommunizieren zu können, muss einer sprechen und (mindestens) einer zuhören. Das sind Voraussetzung, die erfüllt sein müssen, damit eine Kommunikation und ein Dialog klappen.

Interessanterweise war dies stets auch bei der Übermittlung der Botschaft Allahs eines der großen Probleme nicht nur in der Zeit des Propheten Muhammad (s). Der Koran berichtet uns, dass z.B. auch der Gesandte Noah (a.s.) Schwierigkeiten mit seinen Mitmenschen in diesem Bezug hatte: „Gewiß, jedesmal, wenn ich sie aufrief, damit Du ihnen vergibst, steckten sie ihre Finger in ihre Ohren...“ (71:7). Der Prophet Muhammad (s) selbst hörte den Menschen hingegen stets zu, machte sich Gedanken über das Gehörte und handelte dann gemäß dem, was im Einklang mit dem Islam war. Seine Eigenschaft, dass er (s) - ohne Ausnahme- jedem zuhörte und jeden zu verstehen versuchte, wurde sogar als Anlass für Spott durch die Götzendiener Mekkas genommen. Aber Allah verteidigte nicht nur diese Handlungsweise des Propheten (s), sondern lobte ihn sogar dafür: „Unter ihnen gibt es diejenigen, die dem Propheten Leid zufügen und sagen: 'Er ist ein Ohr.' Sag: (Er ist) ein Ohr des Guten für euch...“ (9:61)

Die Glaubensverweigerer Mekkas verweigerten nicht nur den Glauben an Allah, dem Einen Einzigen, sondern auch das Zuhören und das Nachdenken über die Worte des Propheten (s) und die Worte Allahs, also den Koran. Aber auch ein Zuhören ohne Nachdenken und ohne eine Reflexion im Herzen, ist kein „Zuhören“ im eigentlichen Sinne. Denn die Worte gelangen zwar als Schallwellen ins Ohr und der Betreffende hört zwar formal zu, aber, da nicht über das Übermittelte nachgedacht wird, bleibt es eine „Formalie“ und ohne Nutzen: „Und unter ihnen gibt es manche, die dir zuhören. Kannst du aber die Tauben hören lassen, auch wenn sie nicht begreifen (wollen)?“ (10:42). Ein Zuhören ohne den Willen zum Verstehen, ist nach den Worten Allahs also kein wirkliches Zuhören.

Wie die Verständigen, also diejenigen mit Verstand -im Koran mit ulu'l al baab bezeichnet- vorgehen und welche Eigenschaften sie besitzen, macht uns Allah im folgenden Koranvers klar:

Diejenigen, die auf das Wort hören und dann dem Besten davon folgen. Diese sind es, die Allah rechtleitet, und diese sind diejenigen, die Verstand besitzen.“ (39: 18). Natürlich ist hier zuallererst das Wort Allahs gemeint, aber es ist nicht nur auschließlich darauf zu beziehen. Verständige und vernünftige Menschen sind allgemein die, die zuhören, über Worte nachsinnen und das Beste von diesen Worten nehmen und – wenn erfoderlich- sie in ihren Leben behrezigen. Und dies müsste doch auf die Gläubigen, die sich auf den Koran berufen, am ehesten zutreffen, oder?


Rüştü Aslandur, muslimehelfen

Freitag, 1. Juli 2011

Wohin führt die Zerteilung?


Islam ist auch die Bezeichnung einer internationalen Familie. Diese Familie des Islam wird Umma bezeichnet. Der Koran stellt die Umma interessanterweise in derselben Art vor, so wie er den Tauhid präsentiert: “...inna hadhihi ummatakum ummatun wahidatan...“ (23:52; 21:92)

Diese eure Gemeinschaft ist eine einheitliche Gemeinschaft; und Ich bin euer Herr, darum dient Mir.“ (21:92)

Die Einheit der Umma ist das Ziel des Tauhid im sozialen Bereich. Das heißt die Umma repräsentiert sozusagen den sozialen „Tauhid“, die Tauhid al- idschtimaiyya. Der Koran drückt mit der gleichen Art auch die Einheit des Tauhids aus: „wa ilahukum ilahun wahid, laa ilaaha illa huwar-rahmanur-rahiim“ . „Euer Gott ist ein Einziger Gott. Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Allerbarmer, dem Barmherzigen.“ (2:163) Sowie die Beigesellung Gottes euren Glauben zerstört, d.h. den Tauhid der Aqida zerstört, in der selben Weise löst die Zerteilung und Zerstückelung der Umma den sozialen Tauhid auf. Sowie der Schirk an Allah, also sich einem anderen Herrn als Ihm zuzuwenden, Schirk der Wahdaniyyah Allahs ist, genauso ist die Aufteilung der einen Umma in ein zwei, drei oder mehr Teile, eine Zerstörung des sozialen Tauhids. Der Schirk, der die Umma zerteilt, wird also den gesellschaftlichen und sozialen Tauhid zur Folge haben.

Die Einheit der Umma ist wichtig, da Allah diese Umma als Imam für die Menschheit erwählt hat. Davor hatte das Volk Israels diese Aufgabe übertragen bekommen:

O ihr Kinder Israels! Gedenkt Meiner Gnade, die Ich euch erwiesen habe und erfüllt euer Versprechen Mir gegenüber, so erfülle Ich Mein Versprechen euch gegenüber. Und Mich allein sollt ihr fürchten.“ (2:40)

Das bedeutete: Haltet das Wort, das ihr gegeben habt, indem ihr sagtet „O Herr wir werden Imam für die Menschen sein, wir werden die Umma für die Menschheit sein“. Allah sagt anders ausgedrückt: Werdet Imam für die Menschen, sodass Ich durch euch die Unterdrückten und die Schwachen befreien und ihnen helfen kann. Gemäß dem Koran erfüllten die Bani Israil ihre Aufgabe aber nicht. Deswegen übertrug Allah die Aufgabe den Muslimen.

Die selbstkritische Frage, die wir uns als Muslime nun stellen müssen, ist: „Wie weit sind wir in der Einheit der Umma und in wie weit erfüllen wir unsere Aufgabe als Umma?“

Rüştü Aslandur, muslimehelfen

Freitag, 24. Juni 2011

Wem gehören deine Schuhe?

Erinnerung ist der Schlüssel zu vielen Angelegenheiten:

Erinnern wir uns, dass wir gegenüber Allahs Schöpfung barmherzig sein sollen, denn alles gehört Ihm. Nicht nur die Geschöpfe in üblichen Sinne, sondern auch die Energie, Zeit und die materiellen Gütern sind Sein. Wir haben die Aufgabe Seinen uns zugeteilten Rizq (Versorgung), die uns unterschiedlichen Formen erreicht (Verstand, Güte, Wohlstand, Gesundheit etc.), wieder für Ihn (fi sabilillah) an seine Geschöpfe weiterzugeben.

Wem sollen was geben? Allen. Denen, die etwas von uns benötigen und das, was wir besitzen. Auf jeden Fall aber, was wir übrig haben oder das,was wir an mehr besitzen. Denn das, was wir hergeben, gehört ja alles sowieso Ihm. So gibt man das, was man als Muslim hergibt, eigentlich für sich selbst, weil der Eine Einzige dieses dem Betreffenden auf irgendeine Weise vielfach und auf verschiedene Weise zurückgibt.

Da dürfen auch keine Erwartungen von der Person, der wir etwas gegeben haben, hegen. Die Erwartungen, die sich in Bittgebeten ausdrücken können, sollen nur an Allah gerichtet sein. Und Er wird ja mehr geben können als irgendein Mensch oder irgendeine Macht. Und Allah gibt zudem nicht Gleiches mit Gleichem zurück. Er vermehrt es, sogar bis zu 700-fach – je nach der ungetrübten Absicht des Betreffenden. Solch eine Anlage gibt es weder auf der Bank, noch an der Börse und sie ist auch nicht im Handel zu finden!

Und im Grunde sollten wir den Menschen, denen wir etwas geben, zu Dank verpflichtet sein. Denn sie sind es, durch die wir Allahs Zufriedenheit und Wohlgefallen und das Paradies erlangen können. Weil aber Allah alles gehört, hätte Er von uns all unseren Besitz und das, was wir zur Verfügung haben, von uns ohne Gegenleistung zurückverlangen können.

Es ist interessant, dass manche Gefährten des Propheten (s) diesen Sachverhalt ständig vor Augen hatten. Deshalb vermieden sie es sogar z.B. „mein Schuh“ zu sagen, weil sie damit zum Ausdruck bringen wollten, dass selbst ihre Schuhe an ihren Füßen ihnen von Allah gegeben wurde.

Versuchen wir uns also stets daran zu erinnern, was wir Allah schulden. Das wird uns helfen auf Seinem wieder auszugeben.


Rüştü Aslandur, muslimehelfen

Freitag, 17. Juni 2011

H → M&M




Und Wir gaben Mūsā und seinem Bruder ein: 'Weist eurem Volk in Ägypten Häuser zu und macht eure Häuser zu Gebetsstätten und verrichtet das Gebet. Und verkünde den Gläubigen frohe Botschaft.'“ (10:87)



Als die Unterdrückung Pharaos gegen die Muslime der Bani Israil im Lande Ägypten immer mehr zunahm, wies Allah Seine Gesandten, Musa und Harun (as) an, ihre Häuser als Zufluchtsort zu nutzen und sich von dort aus gegen Pharao und seine Anhänger zu verteidigen. Die Häuser der Muslime sollten wie eine Moschee (Masdschid) funktionieren. So sollten die Häuser nicht nur ein Aufenthaltsort für die Familie sein, worin ihre Mitglieder darin schlafen und essen. Die Muslime sollten ihre Häuser zu einer Einrichtung machen, die bestimmte Funktionen erfüllt.



Auch zur Zeit des Propheten Muhammad (s) gab es ein Haus, das diese Funktionen wie zur Zeit Musas (as) erfüllte. Die Situation war ähnlich: Außerhalb der Häuser unterdrückten, folterten und brachten die Feinde des Gesandten Gottes die Muslime um. Das Haus, das die erwähnte Funktion erfüllte, war das Haus von Arkam (Dar’ul Arkam). Daru’l Arkam erfüllte vollständig die Funktionen einer Madschid und einer Unterrichtsstätte (Madrasa), eines Ortes für das Gebet und der Unterweisung im Islam. So konnten die Gläubigen im Daru’l Arkam fern vom Zugriff der Götzendiener (muschrikuun), den Islam lernen und leben. Die Götzendiener hatten nicht einmal Kenntnis über die Existenz dieses Versammlungsortes. Sie war ein Zufluchtsort der Gottergebenen, in der sie unter der Führung des Lehrers der gesamten Menschheit, nämlich des Propheten Muhammad (s), die Offenbarung Gottes lernten und begriffen und das Verstandene versuchten in ihrem Leben umzusetzen.



Auch eine öffentliche Moschee ist nicht bloß ein Ort, der zur Verrichtung des Gebets und des Koranlesens da ist. Es ist zudem keine Einrichtung, in der etwas abgeschottet und isoliert von dem gesellschaftlichen Leben funktioniert. Gerade in der Zeit unseres geliebten Propheten Muhammad (s) hatte die Moschee viele Funktionen wie die einer Ausbildungs- und Erziehungsstätte, einer Bibliothek, ein Ort der Dawa, ein Ort, in dem Gäste empfangen wurden, eine Halle, in denen Versammlungen und Vorträge durchgeführt wurden usw. Natürlich müssen wir uns weiterhin fragen, ob unsere Moscheen heute die genannten Funktionen erfüllen. Und danach gleich eine weitere wichtige Frage anschliessen: Erfüllen unsere Häuser und die Orte, in denen unsere Familien leben, sozusagen als “Filialen” dieser Moscheen auch eine ähnliche Funktion? Wird überhaupt in unseren Häusern das Gebet (gemeinsam) verrichtet oder ist er ein Ort, in dem kaum Gebete verrichtet werden oder vielleicht bisher kein einziges Gebet verrichtet wurde? Weiterhin: Wird in unseren Häusern bzw. Familien Koran gelesen, über den Koran gesprochen und machen sich die Familienmitglieder Gedanken über die Offenbarung Allahs?



Auch wenn die Zeiten zur Zeit des Pharaos und der unterdrückerischen Götzendiener zur Zeit des Propheten Muhammad (s) mit uns heute nicht vergleichbar sind, ist es dennoch notwendig unsere Häuser zu Gebets- und Unterrichtsstätten umzufunktionieren. Wenn wir genau darüber nachdenken, haben wir kaum wirkliche Alternativen dazu. Deswegen müssen wir uns selbst engagieren und unser Haus zu einer Madschid und Madrasa machen.



Deswegen sollte unsere Formel auch heutzutage lauten: Transformiert die Häuser zu Masaadschid und Madaaris (H → M&M)!






ştü Aslandur, muslimehelfen

Freitag, 10. Juni 2011

Allah redet mit Dir!

Der Koran wurde auf den Propheten Muhammad (s) herabgesandt. Allah ehrt ihn darin, in dem Er ihn z.B. mit „O Prophet“ („Ya Nabi“) (65:1) , „O Gesandter“ („Ya Rasul“) (5:67) anspricht. Manchmal ordnet Allah ihn an etwas zu übermitteln, indem Er die Anweisung „Sprich:“ offenbart!

Zwar ist die letzte Offenbarung auf den abschließenden Gottesgesandten (s) herabgekommen, aber Allah spricht darin das meist geehrte Geschöpf, den Menschen, an. Interessant ist, dass Er die Menschen dabei aber nicht einfach pauschal anredet. Die Anreden Gottes im Koran sind unterschiedlich und sehr differenziert. Der Grund liegt darin, dass die Menschen nun einmal selbst unterschiedlich sind. An einer Koranstelle drückt Allah diese Tatsache folgendermaßen aus „Sie sind nicht alle gleich“ (3:113). Dies ist natürlich gleichzeitig eine indirekte Aufforderung zur Differenzierung und gegen eine Pauschalisierung bei Anrede und Behandlung von Menschentypen oder Menschengruppen unsererseits. So finden wir in der Anrede Allahs nicht nur die Gläubigen, die angesprochen werden, sondern auch die Glaubensverweigerer, die Nachkommen Jakobs, die Leute, die bereits eine Schrift erhielten oder die Menschen insgesamt. Menschen werden natürlich aufmerksam und werden aufhorchen, wenn sie als Mitglieder einer bestimmten Gruppe angeredet werden. Der Koran ist meines Wissens die einzige göttliche Offenbarung bzw. die Heilige Schrift, die solch eine direkte Anrede benutzt und nicht nur um Vorschriften und Anweisungen zu übermitteln.

Besonders die Stellen im Koran, an denen Allah, der Allmächtige, die Gläubigen anspricht, sollten die Muslime aufmerksam lesen oder ihnen zuhören. Wenn man nämlich als Muslim den Glauben an Allah, die Gesandten und den Jüngsten Tag für sich beansprucht, müssten uns die Passagen, die mit „O ihr, die ihr glaubt...“ beginnen die größte Aufmerksamkeit bei uns erzielen. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn Allah in der Sure an-Nisa folgendes zu Bedenken gibt: „O ihr, die ihr glaubt, glaubt an Allah und Seinen Gesandten“ (4: 136). Anders ausgedrückt bedeutet dies „glaubt wirklich!“ und „Belegt den Anspruch eures Glaubens an Allah und Seines Gesandten, indem ihr folgendes macht...“.

Wir dürfen keinen Vers des gesamten Koran auslassen oder vernachlässigen, der für uns Menschen herabgesandt wurde. Aber besondere Aufmerksamkeit müssen wir walten lassen, wenn Allah die Gläubigen anspricht. Denn hier redet Allah mit uns bzw. mit Dir und teilt Dir die wichtigsten Dinge für Dein Leben und das Leben danach mit. Wäre es nicht eine großer Frevel die Ohren oder den Geist diesem gegenüber zu verschließen.

Samstag, 4. Juni 2011

„Mädchen sollte man kein Lesen und Schreiben beibringen,

weil sie sonst später Jungen Liebesbriefe schreiben könnten“.

Als ich ein kleiner Junge war, hörte ich diesen Satz von ein, zwei älteren Leuten in dem kleinen türkischen Ort, von wo ich stamme. Als kleines Kind verstand ich das nicht und hielt dies irgendwie als ein „Gebot des Islam“. In meinem Heimatort gibt es keinen mehr, der dies denkt und ausspricht und wahrscheinlich in der ganzen Türkei auch nicht. Dennoch mag es sein, dass es in einigen muslimischen Ländern – und nicht nur dort - immer noch diese Art von Vorstellungen gibt oder mindestens die Menschen es nicht nötig sehen, dass auch Mädchen in die Schule gehen sollten.

Man fragt sich unweigerlich als Muslim: „Wie ist konnte solch eine Ansicht in einem muslimischen Land entstehen, wenn dies weder aus der Lehre noch aus der (frühen) Geschichte der Muslime herrühren kann?“

Der erste Koranvers rief die Menschen (Männer und Frauen) mit „Lies!“ dazu auf Wissen, Bildung und Erkenntnis zu erlangen. Der Prophet (s) rief nach Erhalt der Offenbarung sowohl Männer und Frauen zum Islam ein und unterrichtete in der ersten islamischen Bildungsinstitution, dem Dar-ul Arqam in Mekka, in der ersten Zeit der Herabsendung der Offenbarung Männer und auch Frauen im Koran!

In Medina richtete der Prophet (s) eigens einen Tag ein, an dem er (s) mit den Frauen Unterricht durchführte. Aus den Quellen erfahren wir weiterhin, dass der Prophet (s) für die Unterrichtung mancher Frauen wie Fatima, der Schwester Omar al-Khattabs (ra, einen Lehrer, nämlich Habbab bin Arat (ra), zugeteilt hatte.

Gerade Aischa (ra), die in jungen Jahren in den Haushalt des Propheten (s) kam, wurde von ihm (s) selbst auf die beste Weise im Islam unterrichtet und erzogen. Da Aischa (ra) eine sehr gute und schnelle Auffassungsgabe und ein gutes Gedächtnis besaß und zudem mit hoher Intelligenz ausgestattet war, wurde sie bald ein leuchtendes Vorbild der Gelehrsamkeit für Frauen und Männer. Sie erweiterte ihr Wissen durch ihren Talent in Bereichen des Fiqh, der Geschichte, Genealogie, Dichtung, Medizin und Sternenkunde usw. Sie überlieferte mehr als 2200 Ahadith vom Propheten (s) und unterrichte Frauen und Männer noch fast 45 Jahre nach dem Tode des Propheten (s). Aischa (ra) war außerdem eine brillante Lehrerin, bei der große Gelehrte wie die Juristen Said b. Abu Atik und al-Qasim b. Muhammad Unterricht erhielten.

Aischa war aber nicht die einzige Gelehrte, die der Prophet (s) erzogen hatte. Auch Umm Salama (ra), Sawda, Hafsa (ra) oder Zainab (ra) waren als Lehrerinnen und Gelehrtinnen aktiv.

Die neueste Forschung zeigt durch die Auflistung von Gelehrtinnen und gelehrsamen Frauen im Islam mit konkreten Namen, dass diese Kette von gelehrsamen Frauen bis ins Mittelalter wahrscheinlich von der Zeit des Propheten (s) nicht abgerissen war. Schwester Katrin Klausing berichtet z.B. in ihrer kurzen Abhandlung auf ihrer Webseite (www.musafira.de) über islamische Gelehrtinnen. Sie schreibt: „Ibn Hajar selbst verweist auf 53 weibliche Gelehrte, bei denen er studierte, und as-Sakhawi gibt an, solche Zertifikate (Ijaza) von insgesamt 68 weiblichen Hadithgelehrten erhalten zu haben.“ Ibn Hadschar war ein großer islamischer Gelehrter, der u.a. einen Kommentar zu Sahih al-Bukhari verfasst hat. Zudem erwähnt Schwester Kathrin kurz einige Namen mit ihren jeweiligen Professionen.

Unsere Schwestern sollte an dieser Tradition der islamischen Gelehrtinnen anknüpfen und die Männer, ganz gleich, ob es ihre Väter, Ehemänner oder Brüder sind, sollten sie dabei motivieren und unterstützen.

Rüştü Aslandur, muslimehelfen